• Anna K. Baur

"Die Intrigen um 'Tiger King' interessieren mich wenig."


Joe 'Exotic' mit seiner "lebendigen Trophäe" (Illustration: Joanna C. Schröder)

Gierige Sensationsgeilheit, trashige Selbstinszenierung und sexy 'Exoten': 'Tiger King‘ wurde zur Netflix-Serie der Stunde. Hinter der seichten Unterhaltung verbirgt sich jedoch weit unheimlicheres als absurde Intrigen und grotesker Größenwahn. Im folgenden Essay rechnet die Autorin Samira Ghoualmia ab - mit einer Serie, die gefährliche, rassistische Mythen befeuert. 


von Samira Ghoualmia


Erschlagen von der beißenden Intensität der reißerischen Doku, zwischen intimen Intrigen, obsessiver Raubkatzenliebhaber*innen und der leider unvergesslichen Analogie von Golden Nuggets und Hoden, die Joe „Exotic“ bei der Beerdigung seines Partners meint erwähnen zu müssen. Der Schock über die mutierte Grenzenlosigkeit synonym für US-amerikanischen Enthusiasmus gone bad. All das, verdeckt leicht den vermeintlichen Inhalt des Gezeigten: Es geht um die besondere Liebe zu sogenannten „exotischen“ Tieren.


Unsichtbar für viele weiße Blicke verbirgt sich hinter dieser Faszination eine unheimliche Sehnsucht nach „Exotik“. Eine alte Obsession des Westens, bis heute anziehend für weiße Imaginationen. Die Intrigen um „Tiger King“ interessieren mich wenig. Was mich nicht loslässt, ist das Spektakel um das „Exotische“ als wäre es ein harmloser Genuss, von dem wir alle zehren. Wie mir geht es auch vielen anderen BPOC’s, die sich beim Zuschauen von „Tiger King“ und die damit verbundene Assoziation zu „Exotik“ unwohl fühlen. Es ist ein Unwohlsein, welches spiegelverkehrt westliche Sehnsüchte seit der Moderne bis heute in ihren Bann zieht. Es ist der Reiz des „Anderen“ als Unterhaltung, der dieses Begehren nährt.


Ökonomie der Aufmerksamkeit

Vermeintlich ungefiltert inszeniert und auf medialen Wirbel ausgerichtet, präsentieren die Antagonisten Carol und Joe „Exotic" ihre persönlichen Geschichten, die sie zur „exotischen“ Katzenliebe und Zwietracht untereinander führten. Die tierische Obsession bringt hierbei normierte cis-geschlechterstereotype Rollen hervor. Während Joe sich als risikoreicher Abenteurer stilisiert, übernimmt Carol die Rolle der fürsorglichen Katzen-Übermutter. Zwischen Größenwahn und Gendergap eint beide die Selbstinszenierung und die Leidenschaft für die Riesenkatzen.

Als Kulisse des dadurch entfachten Wettstreits erscheinen die USA als vogelfreie Rednecklandschaft, wo es bis vor kurzem legal war für 2000 Dollar einen Babytiger zu kaufen. Ähnlich wie in der 2015 erschienenen Netflix Doku „Making a Murderer“ setzt „Tiger King“ auf Unterhaltung zwischen Erniedrigung und Faszination. Das Publikum ist dem reißerischen Spektakel zwischen Rivalität und Rache von angeblich getöteten Ex-Männern bis zum gescheiterten Auftragsmord gnadenlos ausgesetzt. Der beim Zuschauen entstehende Ekelscham variiert zwischen klassizistischer Selbstvergewisserung besser zu sein als die gezeigten Personen als Sinnbild für White Trash und der Unterhaltung über die größenwahnsinnige Lebensaufgabe von Joe und Carol: das eigene Leben für die „sexy Exoten“ aufs Spiel zu setzen. Alles für die Katz’ sozusagen.


Sexy „Exotismus“

Woher kommt das Begehren nach dem „Exotischen“?

Der Begriff „exotisch“ bedeutet „auswärtig“ und „fremdländisch“. Im Zeitalter der Aufklärung taucht er zum ersten Mal auf, um Menschen aus den damaligen europäischen Kolonien in Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien zu beschreiben. Weiße Menschen wurden übrigens nicht als exotisch betrachtet.¹ Das hat sich bis heute nicht geändert. Stattdessen sind sie diejenigen, die eine Praxis des „Exotisierens“ sexy und salonfähig machten. „Exotisch“ ist was fremd und reizvoll ist. Gefangen im Netz weißer Projektionen des „Fremden“ werden heiße Fantasien andersartiger „Exotik“ als Gegenentwurf zu kühler, europäischer entzauberter Säkularität gesponnen. Diese „exotische“ Gegenwelt wird als Projektionsfläche aufgeladen mit europäischen, weißen Hirngespinsten von wilder, unberührter Natur als Ort des Abenteuers und der Selbsterfahrung. Der koloniale Diskurs verfestigte desillusionierte Imaginationen weißer Fieberträume im „Herzen der Finsternis“² zu einem stigmatisierten Narrativ des „Primitiven“ und „Exotischen“.³ Dieser rassistische Mythos ist bis heute aktiv, oft unsichtbar für weiße Blicke. Sichtbar und schmerzhaft, unmöglich dem zu entkommen für alle diejenigen, die unter Rassismus leiden.

Der positiv verkleideten Faszination, im Kern rassistischen Imagination vom „Exotischen“, liegt ein Begehren der Aneignung und Beherrschung des „Fremden" zugrunde. Ob tropische Früchte, Tigermuster oder afrikanische Masken— all diese Dinge werden wild vermengt als „exotisches" Gulasch, bereit für den Verzehr weißer Sehnsüchte.

Nicht selten geht eine Sexualisierung mit „exotisch“ assoziiertem einher. Wiederholt werden die Tiere als „sexy beast“ in „Tiger King“ beschrieben. Der selbsternannte Doktor mystischer Wissenschaft Doc Bhagvan, Joe „Exotics“ Idol und ebenso Besitzer eines Zoos für „Exoten“, gibt die aphrodisierende Wirkung der „sexy cats“ als sein Erfolgsgeheimnis an.

Bhagvan, der in Yogatown, Virginia zu Erleuchtung gefunden hat, könnte kein treffenderes Beispiel des närrischen Auswuchs weißer Cultural Appropriation à la „exotic“ Gulasch sein. Sideeffects weißer Meglomanie may include weiße Ziegenbärtchen, Dreadlocks und Zungenküsse mit Haustieren. Die Grenzen zwischen Herrchen/Frauchen und „exotischen“ Tieren verschwimmen in undurchschaubare Gefilde verquerter weißer Machtdynamiken zwischen Verniedlichung und Erniedrigung. Die „exotischen" Tiere werden zum abgeschwächten Symptom für die Beherrschung des „Fremden", welches als wild und zu bezwingen imaginiert wird. Grenzüberschreitend und kleben geblieben in der eigenen Fiktion des „Exotischen“ als Fata Morgana weißer Träume, einzig und alleine existent für weißen Genuss und Konsum. Ein westliches Begehren eines narzisstischen Echos einer verloren geglaubten Wildheit des eigenen. Ein kläglicher Versuch sich selbst zu erfahren im projizierten „Anderen“. Letztendlich ist Exotismus nichts anderes als Selbstgenuss, weiß der kamerunische Literaturwissenschaftler David Simo. Denn statt der Erfahrung, sich dem Unbekannten zu nähern, genießt man doch nur das eigene Selbst, das sich der Illusion hingibt, Expert*in über fremde Wirklichkeiten zu sein und diese zu beherrschen. Wer „Tiger King“ gesehen hat weiß, dass narzisstischer Selbstgenuss alle Charaktere miteinander vereint.


Lebendige Trophäen

Sexy ist der Besitz der „Exotik": Ursprung kolonialer An-und Enteignung außer-europäischer Kulturen in Raubzügen und Fantasien der Beherrschung des „Anderen“. „Exotische“ Objekte werden gesammelt. Angehäuft in Massen, ästhetisiert, Zur-Schau gestellt für das Verlangen und die Unterhaltung eines weißen Publikums. Das Sammeln „exotischer“ Raubtiere ist demnach das White-Trash-Äquivalent zu europäischen Kuriositätensammlungen außereuropäischer „Exotica“ des 19. Jahrhunderts. Während damals elitäre Kunstsammler*innen auf der Jagd nach dem Exotischen waren, ist es heute der average „exotic“ Joe mit Raubtiersammlung in den USA. Verdächtig bleiben die Provenienzen in beiden Fällen.

Die ersten „Exotica“ gab es in den Kuriositätenkabinetten und Kunstkammern europäischer Sammlungen der Adligen und Wohlhabenden. Diese Vorgänger heutiger Museen entstanden im 14. und 15. Jahrhundert und dienten der Repräsentation von Macht und Reichtum. Häufig wird heute noch ignoriert, dass diese „exotischen“ Objekte nicht nur Souvenirs von Reisenden waren, sondern vielfach gezielt in Massen geraubt wurden. Wie die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Schriftsteller und Theoretiker Felwine Sarr in ihrem 2018 erschienenen Restitutionsbericht zeigen, profitiert der Westen noch heute von der Ent-und Aneignung fremder Kulturgüter aus den ehemaligen Kolonien.

Geraubte außereuropäische Kulturgüter und Raubkatzen in den USA weisen eine weitere Verwandtschaft miteinander auf. Unter dem Vorwand von Schutz und Erhaltung der „exotischen“ Schätze werden diese von ihrem Ursprung entrissen und an ferne Orte gebracht, entkontextualisiert als schmückende Trophäen. Dieses Sammeln von Trophäen steht in einer westlichen Tradition, die wir ohne kritische Analyse der Rassismusgeschichte und Dekolonisation nicht verstehen können. Wie Walter Benjamin uns erinnert, besteht eine Verbindung zwischen der materiellen Aneignung von Kulturgütern seitens der dominierenden Macht gegenüber den Besiegten.Mitgebrachte Schätze als Trophäen verleihen dem Sieg über andere natürlich einen ganz besonderen Glanz. Letztendlich gilt es diese Verstrickungen zwischen Exotismus und Rassismus wahrzunehmen als das, was sie sind: gefährliche Mythen und keine trashige Unterhaltung.


Über die Autorin Samira Ghoualmia (*1990) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studiert im Master afrikanische Kunstgeschichte und arbeitet als Kunstvermittlerin. Als Tochter einer Deutschen und eines Algerier-Tunesiers wuchs sie mit ihrer 12-Jahre jüngeren burkinisch-deutschen Schwester in Speyer auf. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit Identitätsfragen des Dazwischen-Seins und dem kollektiven Gedächtnis der afrikanischen Diaspora. Samira schreibt und fotografiert.



¹ Susan Arndt & Nadja Ofuatey-Alzard (Hg.), Wie Rassismus aus Wörtern spricht, Münster 2019, S. 633.

² Vgl., Achebe, Chinua, An Image of Africa. Racism in Conrad’s Heart of Darkness, London 2017: „Heart of Darkness“ ist ein Roman aus dem Jahr 1899 von Joseph Conrad. Gehandhabt als ein Klassiker europäischer Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts erfährt eine Benennung rassistischer Stereotypen Conrads in der Rezeption zu dem Buch kaum Erwähnung. Chinua Achebe thematisiert in „An Image of Africa. Racism in Conrad’s Heart of Darkness“ die rassistische Ideologie und die westliche Sehnsucht, die in Conrads Werk auftauchen.

³ Vgl., Rodatus, Verena, Postkoloniale Positionen? Die Biennale DAK’ART im Kontext des internationalen Kunstbetriebs, Oldenburg 2015, S. 94: Der Primitivismusdiskurs verweist auf die Stereotypisierung der Kunstbewegung der (west-) europäischen Moderne. Vor dem Hintergrund eines konstruierten Mythos von „primitiven Anderen“ wurde eine asymmetrische Betrachtung außer-europäischer Kulturen als weniger fortschrittlich und zivilisiert konstruiert.

David Simo, Interkulturalität und ästhetische Erfahrung. Untersuchungen zum Werk von Hubert Fichtes, Stuttgart 1993, S. 33.

Bénédicte Savoy, Die Provenienz der Kultur, Berlin 2018, S. 34.

Ebd., S. 49.


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