• Anna K. Baur

"Wenn ich im Iran bin, spüre ich die Erinnerungen meiner Eltern."

Updated: Jul 20, 2019


Pujan Shakupas Vater in einem Motel im Iran. Die Fotografie ist Teil der Serie: "Waiting for Mahdi"

Der Fotokünstler Pujan Shakupa beschreibt seinen Stil als „Inszenierung in der Realität“. Er konzentriert sich auf geometrische Formen, Details und Auffälligkeiten, die erst durch die Wahl seiner Bildausschnitte und subtilen Eingriffe sichtbar werden. Im Iran sind seine emotionalsten Bilder entstanden.

Protokoll: Anna K. Baur


Am liebsten fotografiert Pujan Shakupa auf Reisen. In Ländern, die er nicht kennt, kann er Beobachter sein, ist er nicht gefangen in der gewohnten Umgebung. „Das Reisen gibt mir die Möglichkeit, Dinge neu zu entdecken, objektiver zu sein“, erzählt der 37-Jährige. China sei für ihn momentan sehr spannend. Dort passiere eine Entwicklung, die in Europa mehrere Jahrzehnte gebraucht habe, in fünf Jahren. Dadurch entstehen viele interessante Motive. Alte Kulturgüter neben modernen Shopping Malls. Was ihn inspiriert, ist das Unpassende. Im Iran hätte er allerdings seine emotionalsten Bilder gemacht. „Ich gehe dort an Orte, an denen ich nie zuvor war und habe trotzdem ein Heimatgefühl“, berichtet er nachdenklich. Man bekäme die Erinnerungen der Eltern zu spüren. Pujan Shapuka ist mit seiner Familie als er zehn Jahre alt war, aus dem Iran nach Deutschland, gekommen. Obwohl er glaubt, dass er damit in der Kunst schneller Erfolg gehabt hätte, sieht er sich nicht als iranischer Künstler. „Ich bin kein Mensch, der „nur“ in seiner Heimat aufgewachsen ist und das wars. Ich bin von vielen Bereichen, Kulturen und Gedanken geprägt“. Nur eine seiner Serien, "Waiting for Mahdi"*, hat der Künstler dem Iran gewidmet.


Folgend stellt Pujan Shakupa drei Schlüsselbilder seines fotografischen Werkes vor.



"untitled", aus der serie "waiting for mahdi", ca. 2010

(Aufmacherbild)

„Das Foto ist während eines Roadtrips durch den Iran entstanden. In irgendeinem Motel auf der Route. Es zeigt meinen Vater in typischer Pose. Er kam aus ärmsten Verhältnissen und hat sich aus eigener Kraft hochgearbeitet. Er hat viel geleistet in seinem Leben, aber ab einem gewissen Punkt hat er resigniert. Mein Vater ist ein melancholischer Mensch. Obwohl er früher eine führende Position beim Militär hatte, hat er die Seele eines Künstlers. Ihm wurde nie die Möglichkeit geboten, sich kreativ auszuleben. Das Foto zeigt meinen Vater, wie ich ihn sehe: als einen nachdenklichen, melancholischen Menschen, der sich, seit wir in Deutschland sind, immer mehr zurückgezogen hat. Interessanterweise unterscheidet sich mein Bild von meinem Vater allerdings von dem, was in dieser Situation tatsächlich passiert ist: Als ich ins Zimmer kam, lachte er mich an. Ich habe ihm gesagt, er solle für die Kamera ernst nach unten schauen.


Ich frage mich: ‚Sehe ich mich in meinem Vater oder wollte ich, dass mein Vater mich darstellt?‘


Ich sehe mich in ihm. Und das Foto spiegelt für mich die Analogie zwischen meinem Vater und mir wider. Denn ich sehe mich als jemand, der stark ist und der für das Leben kämpft, aber auch als jemand, der trotzdem ein melancholischer Mensch ist, der zugleich viel mit sich selbst kämpft. Auf dem Foto habe ich die Gedanken, Erinnerungen und Wahrnehmungen, die ich auf ihn projiziert habe, festgehalten.


Eigentlich habe ich mich schon immer als alten Mann gesehen. Schon mit 18 Jahren dachte ich, dass ich das alles nicht brauche. Obwohl ich in meinem Leben auch viele fröhliche Momente habe, ist es ein Teil von mir, so zu denken. In diesem Augenblick, in dem dieses Foto entstanden ist, habe ich das verstanden. Fotografieren kann man mit dem Schreiben eines Buches vergleichen: Der Autor bringt stets, auch wenn es sich um eine fiktive Person handelt, sich selbst mit ein.“




"machine", ca. 1999

"Ich war zehn Jahre alt, als wir nach Deutschland kamen und circa 17 Jahre alt, als das Bild entstanden ist. Ich war zum ersten Mal wieder im Iran – im Süden, in Abadan, an der Grenze zum Irak. Dort kommt meine Familie her. Als ich aus dem Auto meines Onkels stieg, fand ich diese perfekte Komposition vor: das orangefarbene Taxi und das grüne Gebäude. Ich habe das Bild mit der Kamera von meiner Tante gemacht. Damals wusste ich noch nicht, was für einen Stellenwert Fotografie in meinem Leben einnehmen wird und doch hat dieses Foto meinen Stil geprägt. Noch heute ähneln alle meine Fotos diesem Bild. Allein deswegen ist es mir sehr wichtig.

Der zweite Grund, weswegen ich das Bild mag, ist, dass darauf ein Taxi zu sehen ist. Im Iran fährt jeder Taxi. Es ist das meist genutzte Fortbewegungsmittel, vor allem die Sammeltaxen. Leute steigen ein und da im Iran die Meinungsfreiheit sehr stark eingeschänkt ist, wird schon beim Einsteigen geflucht; man lässt sich über Gott und die Welt und die Regierung aus. Die Leute kommunizieren miteinander, vernetzen sich gegenseitig, streiten, debattieren. Es finden zufällige Begegnungen statt. Eine Art Kommunikationslotterie. Und wenn man am Ziel angekommen ist, geht jeder wieder seines Weges und das war’s.


Das Taxi als soziales Netzwerk, vor Facebook, vor Tinder. Das Taxi als temporärer Raum der Meinungsfreiheit. Man könnte denken: ‚Der Taxifahrer ist vielleicht vom Staat.‘ Aber im Iran funktioniert es nicht wie in der ehemaligen DDR, in der einige Bürger sich gegenseitig ausspionierten."



"hotel orbit", 2012

„Die Serie ist im Hotel Van Gogh in Paris-Montmartre entstanden. Ich war 27 Jahre alt und zum ersten Mal nach langer Zeit wieder auf Reisen. Zusammen mit meinen Eltern, die zum ersten Mal in Paris waren. Sie sind ausgegangen, kamen spät zurück und fingen an, sich in dem Zimmer, das wir uns teilten, bettfertig zu machen. Im Fernsehen lief eine Dokumentation über den Orbit und das Universum. Ich stand die ganze Zeit mit meiner 24-Film-Kleinbildkamera am Fenster und habe alles, was passierte, aufgenommen. Die Fotosession hat zehn Minuten gedauert. Meine Eltern haben kaum etwas mitbekommen.

Die Serie vereint die Beziehung zu meinen Eltern, meine Art, zu fotografieren und den Kunstgedanken. Sie ist besonders, weil ich, ohne viel nachzudenken, ohne viel Aufwand, ohne Kosten, innerhalb kürzester Zeit etwas geschaffen habe, das Bestand hat. Und zufälligerweise ist auch hier eine Analogie entstanden, die mir sehr gefällt – zwischen dem TV-Programm und meinen Eltern. In der Sendung wird erklärt, dass die Sterne und die Monde sich gegenseitig beeinflussen. Und so war es auch in diesem Zimmer. Meine Eltern sind wie die Sterne um mich herum gekreist. Auf einem anderen Bild der Serie sieht mein Vater wie Albert Einstein aus; im Fernsehen im Hintergrund ist das schwarze Loch zu sehen und später der echte Albert Einstein.“





* "'Waiting for Mahdi' beschreibt eine Art Wartestellung. Mahdi ist der 12. Imam im Schiitentum. Er ist verschollen, alle anderen sind gestorben. Er wird im Iran als Messias betrachtet. Wenn er zurückkommt, wird in der Welt das Gute vom Bösen getrennt. Und der Klärus herrscht als Vertretung, bis er zurückkommt. Eigentlich dürfen die Mullahs gar nicht herrschen. Im Iran gibt es viele Menschen, jung und alt, die gerne etwas verändern würden aber nicht dürfen. Im Iran bekommst du alles mit, aber du kannst nichts bewegen, du kannst nur warten." - Pujan Shakupa



Pujan Shakupa, 2019 (Foto: Joanna C. Schröder)

Über den Künstler Pujan Shakupa kam 1991, kurz nach der Wende, mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland. Er war damals zehn Jahre alt. Nachdem sie zwei Jahren in Asylantenheimen im Osten Deutschlands untergebracht wurden, landeten sie in Frankfurt am Main, dort kam der heute 37-Jährige nach drei Monaten Deutschkurs in die fünfte Klasse auf's Gymnasium. Nach dem Abitur hat er an der HfG Offenbach Kunst studiert. Mittlerweile lebt Pujan Shakupa in Berlin, ist freischaffender Künstler und Mitgründer von Stark & Shakupa, einer Produktionsfirma für Imagefilme.


heart Roots Nach der Iranischen Revolution 1979 haben die Menschen geglaubt, dass das Leben ohne Monarchie, ohne Schah Mohammad Reza Pahlavi besser wird. Dann kam der Krieg, acht Jahre lang gab es erstmal Wichtigeres als dem Verlangen nach Fortschritt nachzugehen. Nach dem Krieg war alles zerstört. Das wahre Gesicht des Mullah Regimes hat sich gezeigt, die Lügen sind aufgeflogen. 1991 hat Pujan Shapukas Familie beschlossen auszuwandern, um den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.


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