• Anna K. Baur

„Du bist nur ein kleiner Fidschi.“


Die Autorin Nhi Le ist der Meinung, dass ein Kind erstmal nicht rassistisch sei. Auf die Eltern müsse man sauer sein. (Foto: Martin Neuhof)

Wie erklärt man einem Kind, warum es ohne ersichtlichen Grund beschimpft wird? Wie erklärt man einem Kind was Rassismus ist? Wie erklärt man einem Kind wie es auf die Anfeindungen reagieren soll? Ein Erfahrungsbericht der viet-deutschen Autorin Nhi Le.

von Nhi Le


Denk doch mal einer an die Kinder!


Wir sind auf dem Spielplatz. „Nicht die Rutsche rückwärts hochklettern“ rufe ich und meine es ja doch nicht Ernst, denn das ist das, was ich genau hier doch auch gemacht habe. So vor 16 Jahren. Rutsche hochklettern, Schaukel eindrehen – das volle Programm. Mein Bruder rutscht ein paar Male, rennt dann zu mir, um sich einen Schluck Wasser zu holen. Ich drücke ihn kurz fest an mich, wuschel ihm durch die Haare und sage spaßeshalber: „Mein Baby.“ „Du weißt, ich bin kein Baby mehr“ protestiert er. Wir lachen und er spielt weiter.


„Eyyyy, was hab ich dir denn getan?“ ruft mein kleiner Bruder empört. Ein anderer Junge ist hinter ihm her. „Du bist so hässlich wie drei Bäume!“ „Und du – du bist eine Mülltonne.“ Schreit mein Bruder. „Du kannst ja nicht mal richtig sprechen!“ kommt es zurück.


Warnsignale blinken auf. Warum beleidigen sich die Kinder? Greift der Junge meinen Bruder an? Was meint er mit du kannst nicht richtig sprechen? – Seinen Akzent, ist das Rassismus? Oder bewege ich mich zu sehr in meiner Polit-Blase, bin tatsächlich übersensibel geworden, denn mein Gott – es sind ja nur Kinder. Sie ärgern sich eben. Aber ich bin auch eine große Schwester. Und die beschützt eben. Doch irgendwas muss es doch zwischen Aufpass-Modus und „Sowas muss er alleine schaffen“ geben. Gedanken-Roulette und dann geht alles ganz schnell.


„Du hast hier nichts zu suchen. Du bist so hässlich braun.“ „Was hab ich dir getan?“ Ich höre die Verzweiflung in seiner Stimme. „Du bist nur ein kleiner Fidschi.“


Mein Herz rast. Es fühlt sich an, als würde es sich durch Wände hämmern müssen. Ich stehe auf, steuer auf das Kind zu. Schrei es an. Dass es meinen Bruder in Ruhe lassen soll, ob er selbst als Toastbrot beleidigt werden wolle. Ob er sich damit stark fühlt? Was ihm das bringt? Bedröppelt huscht er zur Seite.


Ich kann das noch alles gar nicht richtig fassen. Da tönt es vom Klettergerüst. „Das ist meine Schwester! Sie hilft mir – haha.“ ruft mein kleiner Bruder. Ja ich helf dir. Immer dann, wenn ich da bin. Und wenn ich’s nicht bin? In einer Kleinstadt, in der er das einzige nicht-weiße Kind in der Kita-Gruppe war, die Leute Angst vor Geflüchteten haben und Nazis eine national befreite Zone haben wollen.


Ich liege auf der Couch. Mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen. Danke Psychosomatik. „Was ist?“ fragt mein kleiner Bruder. „Nichts, ich hab‘ nur etwas Bauchweh, aber sonst nichts.“ „Bist du krank“ „Ich glaube nicht.“ „Dann hab‘ ich die Lösung. Fast jeder Schmerz geht einfach weg, wenn man auf die Toilette geht und groß macht.“


Schön wär’s: Rassismus einfach wegscheißen. Das klingt im Endeffekt aber genau so plakativ, wie es ist. Damit ist niemandem geholfen. Ich bin immer noch sauer, aber natürlich nicht nur auf den Jungen vom Spielplatz. Vor allem nämlich auf seine Eltern, denen ich vor Ort gerne mal was gepfiffen hätte. Ein Kind ist nämlich erstmal nicht rassistisch. Von allein kommt es nicht auf solche Beleidigungen. Wer weiß, wie die Eltern drauf sind? Eltern, die es scheinbar okay finden, wenn der Junge allein von vier bis sieben auf dem Spielplatz rumhängt. Auch noch da ist, wenn schon längst alle gegangen sind?


Es ist ein Kreis – und es ist alles anstrengend. Doch will ich, dass mein Bruder ausgestoßen wird, weil er vermeintlich anders ist? Will ich, dass er diesen ganzen Frust runterschluckt, nur um dann mal irgendwann zu explodieren? Auf keinen Fall.


Fidschi, ganz hart ausgesprochen, das T betont und den Rest mit reichlich Spucke. Ein Wort, das ich schon ewig nicht mehr gehört hatte, aber auf dem Spielplatz genau so wehtat wie damals, als mich ein anderes Kind in der Schule so rief. Es ist der Begriff der Frauen, die so die Textilshop-Besitzer nennen. Es ist der Begriff den die Leute rufen, während sie ihre Augen zu Schlitzen ziehen. Es ist ein sehr ostdeutscher Begriff.


Ich denke mir Strategien aus, google nach Tipps, überlege, ob ich etwas aus diesem einen Disney-Film einbauen kann. Will ein Empowerment-Training entwickeln, doch wie erklärt man einem Kind, was Rassismus ist?


Bei Capri Sonne und Pizza setzen wir uns auf den Teppich. Ich erzähle, dass er sich keine Beleidigungen gefallen lassen muss. Frage ihn, ob ihm schon aufgefallen ist, dass er ja mehrere Sprachen spricht. Sage ihm, dass Menschen total unterschiedlich aussehen können, aber sie alle gleich wertvoll sind. Tue mich schwer und gehe auf den Jungen vom Spielplatz ein.


„Es gibt Leute, die denken, dass man aufgrund verschiedener Merkmale weniger wertvoll ist, als sie selbst. Aber das ist Blödsinn. Denk dran: Du spielst mit ihnen auf dem gleichen Spielplatz, bekommst die gleichen Hausaufgaben, lebst in der gleichen Stadt.“ Er fragt, ob es nicht Quatsch sei, dass er angemacht wird. Wegen des schwarzen Haars, der braunen Haut. Natürlich ist es Quatsch. Er runzelt mit der Stirn, zuckt dann mit den Schultern.


Wir tauschen uns aus und ich weiß nicht, was ich erklären soll und was nicht. Er schlägt vor, bei der nächsten Beleidigung einfach immer „selber“ zu rufen. Ich winke ab. Würde am liebsten zu „Lass mich in Ruhe, du Kartoffel“ raten. Bin mir unsicher. Wir einigen uns darauf, dass er sich generell zur Wehr setzen soll. Auch mal fragen, was dieses F-Wort überhaupt bedeutet. Meistens haben die Kinder dann nämlich keine Ahnung.


Am nächsten Tag steht ein Einkauf an. Wir machen uns bereit. „Ziehst du mal bitte noch deine Jacke an?“ „Kannst du sie mir anziehen, ich hab keine Lust!“ „Mach du das mal bitte, schließlich bist du doch kein Baby mehr.“ „Na was denn? Ständig nennst du mich dein Baby und jetzt bin ich doch keins?“ Ich stimme ihm zu und er zieht sich natürlich alleine an.


Völlig enthusiastisch machen wir uns auf. Das heißt er ist enthusiastisch und ich freu mich, dass er sich so über einen Gang zu Aldi freut. Aldi-Wanderung nennt er das immer und da ich so selten da bin, machen wir oft einen Abstecher zum 1€-Laden. Hier darf er sich immer etwas aussuchen. „Ausnahmsweise darfst du jede Süßigkeit nehmen. Egal was, das geht auf mich.“ „Nee, der Zahnarzt sagt, dass das nicht geht.“


Wir laufen an allerlei Ramsch vorbei und entdecken Aufklebe-Tattoos. Sie erinnern ihn an jene aus den Kaugummis und glänzen in Silber und Gold. Die Tattoos kommen mit nach Hause. Daheim angekommen stürmen wir sofort ins Bad. Motiv ausschneiden, Waschlappen nass machen und auf die gewünschte Stelle drücken. Nach ein paar Sekunden ist das Trägerpapier ganz glitschig geworden, das Tattoo auf seiner Haut. Das letzte Mal, als ich so etwas gemacht habe, war vielleicht in der Zeit, als ich noch Rutschen hochgeklettert oder Schaukeln eingedreht habe.


Auf seinem Arm funkelt ein Anker, aber da er ein sechsjähriger Junge und kein bärtiger Indie-Gitarrist ist, ist es gar nicht kitschig. Er grinst. „Wie gefällt es dir?“ „Schön sieht es aus, ich liebe es. Und weißt du auch warum?“ „Nein, sag’s mir!“


„Das Gold, Nhi. Es sieht so schön aus auf meiner braunen Haut.“

Über die Autorin Nhi Le arbeitet als freie Journalistin, Speakerin und Moderatorin. Ihre Schwerpunkte sind Feminismus, Antirassismus und Medienkultur. Sie hat journalistisch u.a. für die taz gearbeitet sowie Vorträge und Workshops für TEDx, re:publica, Disney Deutschland, ZEIT Campus etc. gehalten. Nhi Le hat Journalismus und Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig und Ohio, USA studiert.

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