• Joanna C. Schröder

"Sie lebte in Deutschland. Er im Exil. Ich in der Ablehnung."

Updated: Jun 7, 2019



Gastfreundschaft geht bei Behzads Familie über vieles. Wer an der Haustür klopfe, werde auch eingeladen, berichtet der Autor.

Du bist gebildet, kommst aus einer angesehenen Familie. Die politischen Verhältnisse in deinem Land ändern sich. Deine Familie ist in Gefahr. Du musst flüchten. In ein fremdes Land. Nach Deutschland. Du fängst bei Null an. Wirst nicht ernst genommen, nicht deinem Intellekt entsprechend behandelt, in Schubladen gesteckt, unterschätzt. Wie reagierst du? Ein Erfahrungsbericht des iranisch-deutschen Autors Behzad Karim-Khani.


1988. Ich war zehn. Wir waren gerade mal ein Jahr hier. Lebten in einer Siedlung. Nicht spektakulär, gefährlich oder dreckig. Zumindest noch nicht. Eigentlich -in der 70er Jahre SPD-Phantasie geboren- etwas, das uns zusammenbringen, ein „Uns" ergeben sollte. Untere Unterschicht bis mittlere Mittelschicht, und die Kids gehen in die selbe Grundschule. Das war die ungefähre Idee, denke ich. Es gab keinen sozialen Sprengstoff. Kohl war Kanzler. Ostermärsche waren der Gipfel des Widerstands oder, wenn man bei der einen Volkszählung 1987 geschwänzt hatte. BRD. Schlecht-Wetter-Geld-BRD. An uns wurde Kabelfernsehen getestet. Wer in meinem Alter ist, erinnert sich vielleicht an die Debatte darüber, ob es mit dem Grundgesetz vereinbar war. War es nicht. Das Kapital siegte aber. In dem Umfang vielleicht zum ersten Mal. Das Kapital und der Durst nach Anschluss. Die Tests verliefen in meinem Fall positiv. Kohl war nur Kanzler. Chief Ironside war der Chef. Ray Cokes war King. He-Man, Master of the Universe. Gute Laune bei den Huxtables. Pina Coladas auf dem Love Boat. Der Anschluss da. Das Leben gut.


Da tauchten diese drei Typen auf. Nachbarskinder. Klassenkameraden. Spät abends. Klingelten an der Tür zu einer Zeit, als ich schon schlief. Mein Vater weckte mich. Ich zog mich um. Ich, der Neue, hatte Besuch. Meine Mutter hatte die Tür geöffnet und sie fragten, ob sie was Persisches zu Essen haben können. Einer von ihnen streckte meiner Mutter eine Mark entgegen. Meine Eltern sind gebildete, sehr stolze Menschen. Wir sind Perser.


Der persische Golf gehörte mal meiner Familie. Brücken, Plätze und Alleen tragen in Iran heute noch unseren Namen.

In unserer Sprache gibt es zehn, fünfzehn verschiedene Begriffe für Stolz. Mein Vater -und damit wir- sind Nachkommen der Zand Dynastie. Uns hat eine Weile mal der ganze Scheißladen gehört. Nicht irgendein Berg oder eine unzugängliche Provinz, wo die Ziegen husten und keiner weiß warum. Der gesamte Scheiß-Iran. Das kaspische Meer. Der persische Golf gehörte mal meiner Familie. Brücken, Plätze und Alleen tragen in Iran heute noch unseren Namen. Und jetzt stehen drei Straßenköter vor der Haustür und strecken meiner Mutter eine Mark entgegen. Und wenn ich sage Straßenköter, meine ich das. Der erste von ihnen, G. -sein Vater antwortet auf die Frage, wie es ihm geht, immer mit „Alles fest in deutscher Hand“ - sollte ein paar Jahre später, mit sechzehn, seinen Saufkumpanen und Nachbarn, einen 50-60jährigen, polnischen Aussiedler mit Holzbein, und es war wirklich ein Holzbein, keine dieser Aluprothesen- erstechen. Mit zwanzig, dreißig Messerstichen. Mit sechzehn. Im Suff. Keine Ahnung. War einfach passiert. Tat auch keinem leid. Auch mir nicht. Der zweite, F., schlug mit siebzehn regelmäßig seinen Vater zusammen. Einmal war ich dabei. Da ging es um Air Force One. Er wollte welche und sein Vater konnte sich keine leisten. Das war der gesamte Konflikt. Sie waren Sizilianer. Der Vater sprach kaum deutsch. Ein Satz, den er aber immer wiederholte, war „F., schlechter Junge!“ Das sagte er vor uns, über seinen Sohn. Er arbeitete in einer Autowerkstatt als Lackierer und die Zulage für die Schutzmasken sparte er. Natürlich waren die Schuhe zu teuer. Die Mutter faltete in einer indischen Pizzeria Pizzakartons zusammen, bevor sie spät nachts eine Dreiviertelstunde heimfuhr. Das war so. War wirklich so. F. schlug ein Loch in die Badezimmertür, um sich in Stimmung zu bringen. Dann ging er seinem Vater an die Gurgel. Buchstäblich. Würgte ihn für Turnschuhe. Wir saßen im Kinderzimmer. Wollten C64 spielen, als es im Flur laut wurde. Der Blick des Vaters deines Freundes, wenn er von ihm, vor dir, geschlagen wird. Dein Blick in seinen Augen. F. war der erste in unserer Siedlung mit Air Force One. Der Dritte -sein Name fing auch mit G an- rauchte mit neun schon eine halbe Schachtel am Tag. Mit elf war es eine ganze. Er klaute den Schnaps aus dem Wohnzimmerschrank seiner diabeteskranken Eltern und soff vor uns alleine, weil wir uns nicht trauten. Die erste Alkoholvergiftung hatte er mit zwölf. Die zweite auch. Ich meine also wirklich Straßenköter. Und die streckten meiner Mutter jetzt eine Mark entgegen, um die Reste unseres Abendessens zu inspizieren. Meine Mutter ist eine Frau mit Aura und sie hat mehr als die fünf Sinne. Hatte sie damals schon. Keine von ihnen brauchte sie, um zu wissen, wie viel da gerade schief lief.

Und irgendwann wagte es einer von ihnen, meine Mutter auf der Straße anzusprechen und zu fragen, was es abends zu Essen gäbe, als wäre sie seine Angestellte.

Behzad in den Armen seiner Mutter. Er sagt über sie, dass sie eine Frau mit Aura sei und mehr als die fünf Sinne habe.

Aber wir -ich weiß, ich habe es schon erwähnt- sind Perser. Du klopfst nicht an unsere Haustür, fragst nach Essen und hörst ein „Nein“. Wir kennen kein „Kann ja jeder kommen“, kein „Ich klopfe ja auch nicht nachts an Türen“, kein „Ich darf doch bitten“, kein „Ich kann doch nicht...“, „Ich muss doch...“ Unsere Sätze fangen an der Stelle nicht mit „Ich“ an. Und es muss auch nichts seine Ordnung haben. Wir in dieser Siedlung waren der lebende Beweis dafür. Also ließ meine Mutter sie rein, machte etwas warm, wir setzten uns und schauten ihnen beim Essen zu. Es war ein Reisgericht mit Linsen, Zimt und Datteln. Ich erinnere mich noch genau. G. -der Raucher, nicht der Mörder- sortierte die Datteln aus und fragte nach Ketchup. Natürlich war das ekelhaft, aber wir hatten Ketchup und wir sagen nicht „Nein“, wenn jemand fragt. Meine Mutter holte die Tube aus dem Kühlschrank, G. tat sich etwas davon auf den Reis und aß weiter, während wir eine Konversation versuchten. „Du magst das?“ „Ich mag das.“ „Ich mag das auch.“ Subjekt. Prädikat. Objekt. Und „auch“ war die ausgestreckte Hand, die hätte Anschluss bedeuten können. Am nächsten Tag in der Schule war der Anschluss nicht da. Keine Konversation. Kein „Danke für gestern. War lecker.“ Kein „Sorry, wenn es so spät war.“ und das unsichere Gefühl, etwas wäre uns genommen worden. An dem Abend dann das gleiche Ritual. Das Klingeln. Die ausgestreckte Mark. Verschlafenes Rumsitzen am Esstisch. Ketchup. Meine Mutter verwaltete die Situation, während mein Vater daneben saß und schwieg. Mal versuchte er ein Lächeln, wunderte sich, war erstaunt, wütend oder gekränkt.

Er war dieser Arm, von dem man nicht weiß, wo man ihn hintun soll. Er war der verlegene Arm meiner Familie. Und am nächsten Tag, die gleiche Kälte in der Schule. Der gleiche Abstand. Das gleiche Gefühl, beklaut worden zu sein. Ich weiß nicht, wie oft sich das wiederholte, aber ich erinnere mich daran, dass es mehr Kinder wurden, die nachts vor unserer Tür standen. Und irgendwann wagte es einer von ihnen, meine Mutter auf der Straße anzusprechen und zu fragen, was es abends zu Essen gäbe, als wäre sie seine Angestellte. Meine Mutter schaute ihn an und sagte „Butterbrot!“, als wir Zuhause waren, fügte sie -fast zu sich selbst sprechend- hinzu, „Den Dreck, den eure Eltern euch geben!“. Ich hörte meine Mutter zum ersten Mal „Dreck“ sagen und da wusste ich, was ich zu tun hatte.


Scheiß auf „auch“. Scheiß auf Anschluss. Scheiß auf „uns“. Scheiß auf SPD. Ich kam ganze Wochen damit aus, böse zu gucken.

Am nächsten Tag in der Schule packte ich meine Sachen schon zusammen, bevor es klingelte, und war der Erste, der draußen war. Ich schmiss meine Tasche ins Gebüsch, stellte mich vor das Schultor und wartete, bis der Junge rauskam. Er schaute mich an, grinste und ich brach ihm das Gesicht. Gleich dort. Vor der gesamten Scheißschule. Punchte mit allem was ich hatte auf seine Nase und brach sie. Packte seinen Kopf, hielt ihn nach unten und trat ihm mit dem Knie ins Gesicht. Immer und immer wieder. Ich weiß nicht wie oft. Keine Ahnung wie lange. Aber als ich ihn losließ, klappte er einfach zusammen und blieb liegen. Hielt nicht mal mehr sein Gesicht fest. Noch nie hatte es an der Schule die Qualität an Gewalt gegeben. Der Junge kam fünf, sechs Wochen lang täglich in einer anderen Farbe zur Schule. Violett. Grün. Blau. Gelb. Rot. Orange. Danach war ich King. Chef. Scheiß auf He-Man. Ich war der Master of the Universe. Ich redete mit niemandem, der sich nicht gleich unterordnete. Ich bezwang jeden. Ich war Subjekt. Sie Objekt. Scheiß auf „auch“. Scheiß auf Anschluss. Scheiß auf „uns“. Scheiß auf SPD. Ich kam ganze Wochen damit aus, böse zu gucken. Mein Vater las später Adorno und Habermas auf Deutsch. Sprach die Sprache aber nicht. Also sprach sie nicht aus. Schwieg einfach, wenn Deutsch gesprochen wurde. Zweiunddreißig Jahre lang sagte dieser Mann des Wortes, der in der Zeit fünf Bücher und unzählige Artikel veröffentlichte, nur das Notwendigste. Er schrieb und fuhr Taxi. Er blieb der verlegene Arm. Meine Mutter hingegen sprach fließend und viel. Sie machte auch so etwas wie eine Karriere. Sie lebte in Deutschland. Er im Exil. Ich in der Ablehnung. Meine Eltern sind vergangenes Jahr zurückgekehrt in den Iran. Trotz allem. Trotz Embargo. Trotz Regime. Trotz Korruption. Trotz Frauenrechte, Menschenrechte. Trotz so vielem.


Wie viel mehr wir zu geben hätten, wenn man gefragt hätte. Anders gefragt hätte.

Zurück zu den Menschen, die nicht „Nein!“ sagen, wenn man fragt und berücksichtigen, dass man auch nicht „Nein“ sagt, wenn sie fragen. Zu den Menschen, die auch zehn, fünfzehn verschiedene Begriffe haben für „Stolz“. Zurück zu der wertlosesten Währung der Welt. Zu den Wänden, auf die Menschen Dinge schreiben, wie „Niere zu verkaufen“. Mit ihrer Blutgruppe und Telefonnummer darunter. Denn das ist, was Embargo bedeutet. Wenn ich jemandem erzähle, dass sie zurückgegangen sind, kommt immer die Frage „Warum?“ Dann denke ich daran, wie meine Mutter mich vor Kurzem besuchte und, als ich wissen wollte, wie es ist wieder hier zu sein, antwortete: „Ich habe zweiunddreißig Jahre in diesem Land gelebt. Ich bin gestern hier gelandet und ich fühle nichts. Gar nichts.“ Oder ich denke an damals. An unsere Siedlung. Daran, wie viel von uns Jahrzehnte lang in diesem Land brach lag. Wie viel mehr wir zu geben hätten, wenn man gefragt hätte. Anders gefragt hätte. Und auch daran, was diese eine Prügelei alles bewirkt hat. Wie viel Falsches ich da gelernt habe, wie falsch ich eingeordnet wurde, wie falsch mein böses Gucken war und wie viel von dem, was danach schief lief, in dieser einen Situation wurzelte. Dann antworte ich: „In Iran sind sie jemand. Hier fuhr mein Vater Taxi.“





Behzad Karim-Khani, 2019

Über den Autor Behzad Karim-Khani floh 1987 mit seinen Eltern nach Deutschland, in den Ruhrpott, um dem Iran-Irak Krieg (1980 – 1988) zu entkommen. Er lernte die Sprache schnell. Ging nach einem Jahr auf das Gymnasium. Nach der Schule studierte er ein paar Semester Kunstgeschichte und Medienwissenschaften. 2001 zog er nach Berlin und war Mitbegründer der Bar 25. Er lernte die Mutter seines Sohnes kennen. Als der Sohn zur Welt kam, schrieb Karim-Khani Drehbücher, Kurzgeschichten und hatte einen Roman angefangen. Er trennte sich von der Bar 25 und eröffnete die Lugosi-Bar. Seit einem Jahr schreibt er wieder an seinem Roman, hin und wieder veröffentlicht er Artikel. Sein achtjähriger Sohn ist Viertel-Friese, Viertel-Schwabe, Halb-Perser. Er sei der exotischste Karim-Khani, den sie haben. Kreuzberger.


HEART Roots Der Iran verlor den Krieg. Irak verlor ihn auch, aber der Iran ganz besonders. Deutschland gewann. Frankreich. England. Die USA gewannen ihn. Die Sowjetunion gewann ihn. Der Gottesstaat stellte alles an die Wand, was ihm nicht passte. Vom Junkie bis zum Leninisten. Vom Homosexuellen bis zum Ehebrecher. Da beschlossen Karim-Khanis Eltern, dass es genug war. Sie sahen, dass nichts besser wurde. Die Familie kam 1987 nach Deutschland. In den Ruhrpott. Sie wären aber auch überall anders hingegangen. In die Türkei, in die Sowjetunion, DDR. Egal.


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