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  • Joanna C. Schröder

"Ich hatte gelernt im Dazwischen zu leben."

Updated: Jul 21, 2019


Vater und Mutter (links) der Autorin Kristina Jovanovic in Serbien. Ihr Vater hätte sich mit Filmzitaten ausgedrückt, ihre Mutter wäre in Gelsenkirchen aufgefallen - mit ihren extravaganten Klamotten und dem rollenden R, berichtet sie.


Die Eltern von Autorin Kristina Jovanovic haben ihre serbische Heimat verlassen. Sie sind in Deutschland geblieben, um sich und ihren zukünftigen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Wie viel von Deutschland steckt heute in Kristina? Wie viel von Serbien? Sie nimmt uns mit auf die Suche - nach Gelsenkirchen, nach Belgrad, in ihre Vergangenheit, in ihre Gegenwart.


Während der Arbeit an diesem Text ist der Vater der Autorin unerwartet verstorben. Was als Identitätssuche begann, entwickelte sich zu einem Festhalten von gemeinsamen Erinnerungen, zu einem Abschied für immer (Anm. d. Red.).




"Ich sage mir, und es schmerzt mich: Sie wird nie mehr dasein, um es zu sehen, um es von mir zu erfahren." 


Roland Barthes, Tagebuch der Trauer 



Du bist nicht mehr, um die folgenden Zeilen zu lesen, obwohl ich sie schrieb damit du sie liest. Es sind 102 Tage vergangen, seitdem du weg bist, seitdem ich diesen Anruf erhielt, den ich nicht erwartet habe, nicht jetzt und vielleicht, wenn ich ehrlich bin, niemals. 102 Tage seitdem ich diese Leerstelle in mir spüre, deine fehlenden Anwesenheit, die mal mehr und mal weniger schmerzt, aber nie gänzlich verschwindet. Es fällt mir schwer über dich zu schreiben, weil jedes Wort nicht ausreichend scheint, weil jedes Wort eine Erinnerung an dich zu viel ist – der Gedanke an das Geteilte, was nur noch im Präteritum existiert. Und doch schreibe ich diese Zeilen um dem Vergessen zu entgehen, denn das was bleibt, ist die Zeit, die wir hatten.

Ich erinnere mich, wie ich mein erstes deutsches Wort von dir lernte. Ich war bei einem deiner Tischtennisspiele dabei und wir verließen zusammen die Turnhalle. Davor stand eine Gruppe von Leuten, die ihre Münder spitzten und pfiffen. Ich fragte dich, wie dieses Wort auf Deutsch hieß, dieser Sprache die mir damals so fremd war und du hast es mir langsam aufgesagt: "Pfeifen". So irrelevant das Wort in diesem Zusammenhang ist, so wichtig ist der Moment in dem sich bei mir unbewusst festsetzte, dass es einen Unterschied gab zwischen unserer Welt und der Welt da draußen.


Von da an, manifestierten sich Erinnerungen, die geprägt waren von meinen Beobachtungen und Erfahrungen in denen zwei Welten existierten und ich sie miteinander verglich und abglich. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie ich die deutsche Sprache lernte, ich weiß nur noch, dass ich es irgendwann konnte. Dass meine Schwester und ich unsere Geheimsprache benutzten, wenn wir nicht wollten, dass uns jemand verstand. Wie es ein paar Kinder gab, die auch diese Sprache konnten, mit denen ich aber wenig zu tun hatte oder zu tun haben wollte. Wie deine Eltern, als ich fünf war, zu uns kamen und nie wieder gingen. Wie Oma mir immer mein Frühstück für den Kindergarten, die Grundschule und später für das Gymnasium vorbereitete. Wie mein Frühstück immer anders war, als das der anderen Kinder. Wie ich anfing mein Frühstück zu hassen. Fettiger Blätterteig: mal gefüllt mit Käse, mal mit Spinat und manchmal auch mit Hackfleisch. Wie ich Oma weinend anbettelte mir Käsestullen zu machen. Wie ich irgendwann anfing für Oma zu dolmetschen. Wie du, Mama und die Großeltern mit huschenden Stimmen aufgeregte Telefonate führtet und mit in Falten gelegten Mienen ununterbrochen Nachrichten auf allen Kanälen schautet. Wie ich mich selber anspornte, nie wieder ein Wort auf Deutsch nicht zu wissen, weil ich dafür ausgelacht wurde. Wie ich die deutsche Sprache hasste und liebte und wieder hasste. Weil ich insgeheim Deutsch sein wollte, nicht weil ich wusste was das bedeutete, sondern weil ich nicht anders sein wollte. Weil ich endlich aufhören wollte, mich immer anders zu fühlen. Weil ich wollte, dass ihr aufhört anders zu sein. Weil ich nie einen Ort verbinden konnte an dem Mama, die mit ihrem schweren rollenden R und ihren extravaganten Klamotten in Gelsenkirchen auffiel, sich einfügte wie ein Puzzleteil. Einen Ort an dem du, der jedes Lied im WDR 2 kannte und sich in Filmzitaten ausdrückte, sich nicht von der Turbofolk-hörenden und ständig qualmenden Jugo-Diaspora wie ein alleinstehender Außenseiter absetzte. Ich wusste, dass es diesen Ort gab und ich wusste wie er hieß. Er hieß Belgrad. Die weiße Stadt, die aus den Fäden eurer verklärten Erinnerungen auf ein weißes Tuch gestickt wurde, das verhängnisvoll über meinem Kopf hing. Belgrad wurde zu einem Mysterium, einem magischen Ort, der wegen eines Krieges, den ich nicht verstand, immer weiter von mir wegrückte. Ich hatte es gelernt, im Dazwischen zu leben und ich ließ dem Ort, der meiner Sprache ein Wurzelwerk gab, Raum in meiner Fantasie als Sehnsucht zu existieren und zu wachsen, während ich mich in Anpassung an meinem Wohnort übte.

Das erste Mal, dass ich nach Serbien fuhr, war im Jahr 2003 mit Oma. Sie fuhr jedes Jahr mindestens ein Mal für sechs Wochen nach Unten, in ihr zu Hause, in dein zu Hause. Als wir ankamen, wartete eine große Gruppe an Menschen auf uns. Ich hatte noch nie einen davon gesehen, aber ich wurde in den Arm genommen und weitergereicht. Es war befremdlich, weil ich eine solche Zuneigung aus Deutschland nicht kannte. Weil ich es auch nicht kannte, Verwandte zu haben. Ich blieb für zwei Wochen und verbrachte nur wenige Nächte bei Oma - die meiste Zeit schlief ich irgendwo anders, lernte Rollerfahren, schaute spanische Telenovelas, ging wandern und im Wald grillen, trank Plasma-Shakes und lernte den Ort, an dem du aufgewachsen bist, besser kennen. Ich erinnere mich, wie ich die Zeit genossen habe, weil ich mich dort frei gefühlt habe, unbeobachtet. Ich fand aber auch nicht das, was ich suchte: einen Referenzpunkt für meine Identität.

Warum es so lange dauerte bis wir zusammen hinfuhren, weiß ich bis heute nicht genau. Vermutlich lag es auch daran, dass ich lieber mit Freunden wegfuhr. Weil Mama nicht lange Auto fahren konnte. Die Male, die ich bei den Verwandten dort verbrachte, waren nicht mit euren Erinnerungen einer glorreichen Zeit gemein, sondern ich sah die Auswirkungen eines Krieges: die Vergleiche, die gezogen wurden zwischen damals und jetzt, Geld das fehlte, die Abgeschlagenheit, die Frustration, die Ernüchterung. Ernüchterung war auch etwas, was sich bei mir einstellte. Ich wollte so sehr dieses Land, diesen Ort als meinen Ursprung erkennen und ihn dazu ernennen. Aber das war er nicht und würde er auch nie werden.

2016 beschloss ich alleine für zwei Wochen nach Belgrad zu fahren. Es zog mich dorthin, es zog mich zu Oma, die im Sterben lag und tatsächlich auch einen Tag vor meinem Abflug starb. Dein Anruf am morgen war ein sanfter Schlag in die Magengrube. Es war nicht die Tatsache, dass sie gestorben war, darauf wartete ich schon lange. Es war irgendwas tieferes, als hätte jemand ein Band gekappt. Wir würden gemeinsam zur Beerdigung fahren und als wir auflegten, verstand ich, dass es mein erstes Mal sein würde. Das erste Mal Serbien mit dir.


Am Tag nach meiner Ankunft ging ich auf Anweisung meines 90-jährigen Großonkels, der mir großzügig Geld zusteckte, obwohl ich schon mein eigenes Geld verdiente, zum Bus und fuhr natürlich in die falsche Richtung. Ich stieg aus, lief weiter und lief weiter und verlor mich auf den großen Straßen Neu-Belgrads, bis ich irgendwann in der Altstadt landete, in der ich mich grob auskannte. Ich lief ziellos umher, sprach nur das nötigste und ging genau die Orte nicht ab, die ich von meinen Verwandten kannte. Je weiter ich lief, desto tiefer wollte ich gehen. Ich wollte jede Ecke kennen, bis ich nicht mehr konnte. Ich wollte mir diese Stadt zu Eigen machen. Ich wollte ihr eine Bedeutung geben, für mich. Irgendwann setzte ich mich in eine Kafana an der Ecke, mit Spaghettibeinen und surrendem Kopf. Ich bestellte Weinschorle und der Kellner grinste: „Nemica, huh?“ (Deutsche, ne?) Wir redeten ein bisschen und er empfahl mir ein paar Läden, die ich besuchen sollte. Er lobte mein Serbisch (für eine aus dem Ausland) und ich wurde rot. Das war ein Kompliment, was mir tatsächlich etwas bedeutete. Am nächsten Tag kamst du und wir fuhren zu der Beerdigung von Oma nach Krusevac. Ich hatte dich noch nie so erlebt, du warst wie ein kleines Kind, zogst und zerrtest an mir, erzähltest mir Geschichten, die sich an den Wegen die wir begingen entlangzogen, schwammst wie ein Fisch im Wasser, der zu lange im Trockenen gelegen hatte. Mich berührte diese Seite von dir und ich fragte mich warum sie sich mir nicht schon früher gezeigt hat. Oder warum ich sie nicht schon früher habe sehen können?

13 Jahre nach meinem ersten und letzten Besuch fühlte sich Krusevac ähnlich an. Es waren wieder viele unbekannte Gesichter, diesmal bedeckt mit fast schon pathetischer Trauer, die sich mir zuwandten. Erneut spürte ich eine Distanz und eine Belastung, die mir zu viel wurde. Am Abend sagte ich dir, dass ich am nächsten Tag nach Belgrad zurückfahren musste und du hast mich sofort verstanden. Wir würden uns in wenigen Tagen dort wieder treffen und ich spürte, dass du mir meinen Freiraum lassen wolltest. In den folgenden Tagen lernte ich eine junge Frau kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb und mit ihr entdeckte ich die Stadt auf eine neue Art und Weise. Sie zeigte mir Orte und Menschen, die mit einer wachen Hoffnung belegt waren, die besonders durch die vereinfachte Vernetzung des digitalen Zeitalters hervorgerufen wurden. Trotz des politischen Ausgeschlossenseins des Landes trug die Verbindung durch Glasfasern zu einem globalen Verständnis und Vernetzbarkeit bei, die eine Auseinandersetzung mit der Außenwelt ermöglichte.


Eines Abends saßen wir vor dem Denkmal von Vuk Popovic und tranken Rum mit Cola. Ich erzählte ihr von meinen Erlebnissen in Serbien und meinem Aufwachsen in Deutschland, der Zerrissenheit die ich spürte und auch heute noch spüre. Das Stehen zwischen den Stühlen und dem Fehlen einer klaren Linie, diesem Loch das größer wird, wenn einem die Fälle wegschwimmen, weil man ja nie dazugehören wird. Während ich mich in Tränen redete, schaute sie mich lange an und sagte dann irgendwann: "Du musst dich doch nicht für einen Stuhl entscheiden, sondern genau das zu deinem Vorteil machen. Du kannst doch die serbische Deutsche in Deutschland sein, während du hier die deutsche Serbin sein kannst. Und selbst das ist nur ein Bruchteil, deiner Persönlichkeit." Ihre Worte klangen so logisch und einfach, aber eröffneten mir in dem Moment einen Ausweg aus einer Sackgasse in die ich mich selber immer mehr gedrängt hatte.

Als ich dich an jenem Tag verabschiedete, weil du zurück nach Deutschland musstest, fragtest du mich, was ich die nächsten Tage noch machen würde. Du wolltest dass ich mich mit diesen und jenen Verwandten treffe, aber ich unterbrach dich: "Es wird Zeit, dass ich meinen eigenen Weg hier gehe und eigene Erinnerungen schaffe. Und das mache ich am besten alleine." Du schautest mich lange an mit diesem wissenden Lächeln und stiegst ins Taxi.





Kristina Jovanovic, 2017 (Foto: Nikki Powell)

Über die Autorin 1990 – zu einer Zeit in der in Jugoslawien der Bürgerkrieg zu wüten anfing, wurde Kristina Jovanovic in Essen geboren. Da ihre serbischen Eltern keine deutsche Staatsbürgerschaft hatten, zogen sie nach Gelsenkirchen, das damalige Notstandsgebiet bot die einzige Möglichkeit in Deutschland zu bleiben. Nach dem Abitur ging die heute 29-Jährige nach Berlin, um International Business Management zu studieren. Einige Aufenthalte in anderen Städten im In- und Ausland sowie diverse Berufsbezeichnungen später, lebt Jovanovic zur Zeit in Leipzig, um Literarisches Schreiben zu studieren und hoffentlich bald ihre erste Sci-Fi Triologie zu veröffentlichen.


HEART Roots Kristina Jovanovics Mutter, geboren in Sarajevo, wohnte ab dem 13. Lebensjahr in Belgrad. Ihr Vater wuchs in Krusevac (heutiges Serbien) auf und zog nach dem Abitur nach Belgrad. Beide studierten Zahnmedizin und lebten in der Hauptstadt der Volksrepublik Jugoslawien – eine zu der Zeit kulturelle Metropole, die trotz des kommunistischen Regimes offene Grenzen pflegte. Nachdem Jovanovics Vater sein Studium abgeschlossen hatte, kamen die Eltern auf die Idee die zahnärztliche Assistenzzeit im Ausland zu absolvieren, um Erfahrungen zu sammeln – mit dem Ziel irgendwann zurückzukehren. Die Eltern kamen Ende der 1970er Jahre nach Deutschland. Nach Titos Tod und dem sich abzeichnenden Zerfall der Volksrepublik, entschieden sie zu bleiben.