• Anna K. Baur

"Fotografie war für mich notwendig, damit sich mein Leben leichter und besser anfühlte."


Eylül Aslans liebstes, weil wahrhaftigstes Selbstporträt während ihrer Schwangerschaft. "Das Bild repräsentiert für mich das Gefühl, meine Freiheit nicht verlieren und gleichzeitig eine Familie haben zu wollen", erzählt die 29-jährige Fotografin.


Eylül Aslan fotografiert den Körper in Fragmenten, nur selten Gesichter. Die Identität ihrer Modelle bleibt – mithilfe von Schattenspielen und Objekten – häufig verborgen. Die türkische Fotografin konzentriert sich auf Details, lockt Unscheinbares hervor, versteckt das Offensichtliche. Ihr Stil ist auf der Suche nach einem Ausweg entstanden. Dem Ausweg aus den gesellschaftlichen Zwängen ihres Heimatlandes.


Eylül Aslan ist gerade in Istanbul. Zu Besuch bei ihren Eltern. Für sie ein entspannterer Ort, um Interviews zu geben. Hier kann sie ihren kleinen Sohn ihrer Mutter übergeben, um in Ruhe zu telefonieren. Die Themen? Wie einengende gesellschaftliche Werteordnungen die Kreativität fördern. Wie man gegen Dick Pics im Postfach ankämpft. Wie das Muttersein zur leichten Schizophrenie führt. Das Protokoll schrieb Anna K. Baur.



ISTANBUL

„Ich habe mit 17 Jahren angefangen, zu fotografieren, um mich selbst zu verstehen, um herauszufinden wie ich sein wollte und nicht konnte, weil die Art, wie die türkische Gesellschaft funktioniert, es mir nicht erlaubte. Ich habe mich in den Straßen Istanbuls nicht sicher gefühlt. Dinge, die selbstverständlich sein sollten, wie einen Rock zu tragen oder sich wie eine emanzipierte Frau zu verhalten, die trinken und ausgehen kann, die nachts alleine unterwegs sein kann, sind hier nicht so einfach. Ich denke, diese Angst hat mich dazu motiviert, die Person, die ich sein wollte, vor der Kamera zu sein, weil ich es im realen Leben nicht konnte. Diese Diskrepanz zwischen dem, was ich wollte und was die Gesellschaft von mir erwartete, war immer sehr präsent in meinen Fotos. Meine Eltern, die immer noch in Istanbul leben, sind nicht sehr begeistert von meiner Arbeit. Meine Mutter ist liberaler als mein Vater. Sie hat selbst fotografiert, viel gelesen, mir Bücher über Fotografie und Kunst gegeben. Sie schätzt, was ich mache und unterstützt mich dabei – mehr als mein Vater. Aber sie findet, dass ich nur mit anderen Models und nicht mit mir selbst arbeiten sollte. Mein Vater ignoriert meine Arbeiten. Er kam zwar zu meiner Ausstellung hier in Istanbul, aber ansonsten versucht er, Abstand zu halten. Es interessiert ihn nicht. Am Anfang war ich traurig darüber; man möchte ja schon, dass den Eltern gefällt, was man macht und sie stolz auf einen sind. Aber irgendwann habe ich realisiert, dass ich nicht für meine Eltern fotografiere. Ich fotografiere, weil es mich glücklich macht. Es war eine Notwendigkeit, damit sich mein Leben leichter und besser anfühlte.“


BERLIN

„Es war immer mein Traum, außerhalb der Türkei zu leben. Ich habe dann Berlin gewählt, weil ich verrückt nach einem Mann war, der dort wohnte. Es war wie ein Zeichen für mich, von der unterdrückten Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, an einen Ort wie Berlin zu kommen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, alles schaffen zu können, alles zeigen zu können. In Istanbul habe ich meist so fotografiert, dass die Gesichter der Models nicht erkennbar waren. In meinen Bildern ist viel nackte Haut zu sehen und ich wollte niemanden in Schwierigkeiten bringen. In Berlin ist Freizügigkeit kein Problem. Alles war möglich, aber meine Art zu fotografieren, ist Teil meiner Arbeit geworden. Es fühlte sich für mich natürlich an, in diesem Stil weiterzumachen. Ich bin an anderen Dingen interessiert, als die Gesichter meiner Models zu zeigen. Mich faszinieren die weniger beachteten Körperteile. Trotzdem ist meine Arbeit provokativ – sie soll provozieren. Als ich meine Bilder noch auf Facebook hochgeladen habe, hatte ich jede Woche ein Dick Pic im Postfach. Fremde Männer haben mir Bilder von ihrem Schwanz geschickt, manchmal kommentarlos, manchmal mit Beschimpfungen wie: 'Was bist du denn für eine türkische Frau?', 'Das ist inakzeptabel', 'Wegen dir schäme ich mich türkisch zu sein'. Sie nannten mich 'Schlampe' und 'ekelhaft' und dass sie mich erwürgen würden. Diese Nachrichten kamen fast alle von türkischen Männern. Ich habe dann herausgefunden, dass man auf Facebook Länder blockieren kann. Danach war Ruhe. Ohne den Groll gegen das System oder das Gefühl der Gefahr oder auch nur einfach dadurch, dass ich nicht zufrieden damit war, hätte ich nie angefangen, zu fotografieren. Am Ende müsste ich dafür eigentlich noch dankbar sein.“


WIEN

„Nach der Geburt meines Sohnes, im Februar 2018, bin ich nach Wien gezogen. Während der Schwangerschaft und auch danach habe ich keine neuen Projekte begonnen. Der Körper macht viel mit in dieser Zeit und für mich war es schwierig, mich auf irgendetwas anderes als das Schwangersein zu konzentrieren. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich mich nicht motiviert oder inspiriert fühlte. Ich war ständig müde, leicht depressiv und nicht in der Stimmung, die neun Monate zu dokumentieren, was mich im Nachhinein sehr ärgert. Eine kleine Serie habe ich dennoch gemacht (siehe oben, Anm. d. Red.). Mein Lieblingsbild daraus (siehe Aufmacher, Anm. d. Red.) zeigt die Reflexion meines dicken Bauches im Spiegel. Spiegel repräsentieren für mich einen dualen Lebensstil. Du möchtest Mutter sein, du möchtest keine Mutter sein. Du willst frei sein, aber du willst auch diese Familie. Als ich das Foto gemacht habe, ahnte ich schon, dass es so sein würde, wenn das Kind da ist. Und ich hatte recht. Genauso fühle ich mich jetzt und es ist wirklich eine Herausforderung. Ein Teil von mir möchte die ganze Zeit mit dem Baby zusammensein, sich kümmern. Aber zur gleichen Zeit sagt mir mein Innerstes, dass ich ausgehen möchte. Und Alkohol trinken. Und tanzen. Und all die Dinge tun, die ich davor auch gemacht habe. Das Foto sagt viel über die Differenzen, die die zwei Lebensstile mit sich bringen. Denn es ist eine große Veränderung. Jetzt weiß ich das. Was ich nicht weiß: wie das Arbeiten mit Kind wird. Wahrscheinlich werde ich weniger gestresst sein. Mutter zu sein, bringt eine gewisse Ruhe mit sich. Ich werde es bald herausfinden. Gerade plane ich eine Ausstellung für mein letztes Projekt 'Trompe L'Oeil'. Außerdem habe ich vor, mehr Fotos von Männern und nicht binären Menschen zu machen. Ich denke, ich bin jetzt bereit dafür. Ich würde gerne die Beine von Männern ablichten und von dieser Perspektive aus die Objektivierung der Frau in der Fotografie ad absurdum führen."






Eylül Aslan, ca. 2016 (Foto: Joseph Wolfgang Ohlert)

Über die Fotografin: Eylül Aslan ist in Istanbul geboren und aufgewachsen. Mit 17 Jahren begann sie, zu fotografieren, „um sich freier und besser zu fühlen“. Sie hatte allerdings nie den Plan, Fotografin zu werden. Aslan studierte Französisch und Literatur an der Istanbul Universität. Nebenbei fotografierte sie weiter, teilte ihre Bilder auf Flickr, die Modeindustrie entdeckte sie, die ersten Jobs folgten. Es lief gut. Und: ihre Ausdrucksform wurde zum Beruf.

2012 zog Aslan nach Berlin, wo sie für die kommenden sechs Jahre bleiben sollte. Dort arbeitete sie für Publikationen wie das ZEITmagazin und Neon sowie für Brands wie adidas und Smart Car. Ihre Bilder wurden in der Kunsthalle Bremen und der Alan Galeri in Istanbul gezeigt. Nach „Trauerweide“ (2014) veröffentlichte sie 2017 ihr zweites Fotobuch „Trompe L'Oeil“. Mittlerweile lebt die 29-jährige Fotografin mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn in Wien.


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